AUGUST AUGUST kamen im perfekten Moment!

August August –  Liebe in Zeiten des Neoliberalismus

Das Indie-Duo August August aus Berlin und Hamburg bestehend aus Kathrin Ost (Bass, Gesang) und David Hirst (Gitarre). Laut Pressetext sollen August August den Geist des Grunge und der Riot Grrrl -Bewegung in sich tragen und irgendwas mit Pop. Ich bin gespannt.

Uff, das erste Hören war eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Wo ist hier der Grunge? Riot, bitte? Und schwupps trifft mich irgendwas scharfes, ganz tief.

Erstmal zurück an die Oberfläche: Das zweite Album „Liebe in Zeiten des Neoliberalismus“ ist astrein und sauber produziert. Für meinen Geschmack zu viel Raum/Hall auf der Stimme, aber das ist wohl Geschmackssache. Lediglich die letzten beiden Titel „Coda“ und „Ohne Titel (Wolken)“ sind irgendwie lauter.

Und nun rein in die wogenden Wellen!

Der Opener „Wahnsinn“ gibt schonmal die musikalische Richtung vor, all zu weit vom Weg geht es im Laufe des Albums nicht ab. Der Wahnsinn sei nur vorgetäuscht, die Drums (wahrscheinlich programmiert) bestätigen die Zeile. Geradlinig aber zielstrebig geben sie dem Lied einen schönen Teppich. Mir plätschert das irgendwie zu monoton dahin, aber naja… Ist der Ruf erst ruiniert, lässt sich’s Leben ungeniert. Ich fühl den Wahnsinn in mir aufkochen.

Punk ist auch nur ne Phase, hatte man mir früher gesagt. Nun bin ich offener und lass mich mehr auf Neues ein, muss aber mangels Erfahrung meine musikalischen Eindrücke hintenanstellen und mich mehr auf die Wirkung konzentrieren. „Phase“ umspült mich mit einer wabernd-wogenden Klangkulisse, lässt meine Assoziationen über Rammsteins „Du hast“ schweifen.

Wiederholte Kommunikationsversuche vom Rand werden zu Nonsense im Lärm der Welt, dadadada, gliedern sich rhythmisch ein ins Ganze. Plötzlich verschafft sich Kathrin Ost Gehör, ihre Stimme steht über dem Song, unbequem, irgendwie arhythmisch Spricht sie sich die Seele raus. Das hat wirklich Vibes alter Schule, von Grunge und Riot Grrrl aber auch diese unbequeme Art zu Singen wie André Greiner-Pol von Freygang.

„Deine Freunde“ startet mit frickeligen 16-teln auf der Hihat, die mich sofort in ihren Bann gezogen haben. Die wunderschöne Gitarre im Panorama mit ihren süßen Melodien flüstert mir von allen Seiten zu. Aber welche finde ich am schönsten, welche berührt mich wirklich? Ein Thema das mich auch oft beschäftigt: Wenn ich große Freundeskreise sehe, denke ich, mir würde etwas fehlen, aber nö!

„Kaputt + kein Hunger“ ist Punk, die Drums im Fokus treiben des Lied dermaßen nach vorn. Hier gibt’s Frust und Wut und Burnout und Depression! Konsum, heile mich kurz und schmerzvoll!

Jetzt muss ich einen kleinen Sprung machen zu „Man kann sich nicht lieben wenn man kein Geld hat“. Verdammt, August August, eure Musik funktioniert! Dieses Lied war ein Stich ins Herz. Klar, Geld bringt irgendwie Sicherheit, aber Arbeit kann auch die Zeit fressen, die wir für uns selbst und unsere Liebsten brauchen. Der Aufschrei, die Frage ab der 50. Sekunde, dem Refrain, ist pure Ehrlichkeit und Antwortlosigkeit. Ich will doch einfach nur liegen, bin kaputt und habe keinen Appetit, aber ich muss ja arbeiten und mich weiterbilden und soziale Kontakte Pflegen und einem Hobby nachgehen und überhaupt an mir arbeiten und achso ja, auch noch arbeiten und Geld verdienen. Ab ca 3 Minuten überlagern sich die Informationen, die Ratschläge sind Schläge und münden im Nichts.

„Die Katze weiß wann sie verloren hat“ schmiegt sich nahtlos an. Wieder etwas rockiger. Meine Assoziation ist gefärbt von popkulturellen Einflüssen. Die „Depressionskatze“ kann kratzen, beißen und lethargisch sein. Sie kann aber auch Kraft und Zeit für (Selbst)reflexion spenden. Nicht alles muss immer perfekt laufen. Es ist okay, auch einfach mal zu scheitern und sich mit neuer Kraft wieder der Welt zu stellen! Das Lied gefällt.

Coda“ ist etwas lauter als die vorherigen Songs, kommt mit einem flauschigen Gitarrenteppich daher und hebt die Stimme in den Vordergrund, die immer wieder pausiert und immer wieder selbst das letzte Wort hat, aber kein Schlusswort findet.

„Ohne Titel (Wolken)“ ließ mich kurz an Alin Coens „Wolken“ denken, nur irgendwie doch ganz anders, krasser. Auch dieses Lied ist lauter als Titel 1 bis 10. Nochmal das letzte Wort! Jetzt aber wirklich! Und nein, es geht eben um die Zirkularität des Seins. Anfang, Neuentstehen, Wolken, Sonne… Wechsel bringt fortschritt. Und eben diesen Wechsel, den daraus resultierenden ganz individuellen Rhythmus gilt es zu verstehen und zu lieben! Dunkelheit und Regen spenden Ruhe und Leben, die wiederrum in Energie und Zuversicht münden(können). Mal geht es voran, mal auch zurück und machnmal ist man kaputt und hat keinen Hunger. Alle bedingt sich auf irgendeine Art und Weise. Draußen scheint gerade die Sonne, über mir ziehen Wolken auf.

Dieses Album hat es mir echt angetan und kam im perfekten Moment. Hier ist so viel Ehrlichkeit und Energie in der Musik, die wirklich (unsanft) berührt. Das ist wirklich unbequemer Grunge und Riot Grrrl mit ner Prise Punk.

Danke August August! Ich geh jetzt raus und lass die Wolken drinnen.

TEXT: Oliver Sommer